Vom Zufall zur Wahrscheinlichkeit -
Eine Geschichte des Risikomanagements
Die Portfoliotheorie des Nobelpreisträgers Harry Markowitz setzt sich seit
Jahren im Investmentfondsgeschäft systematisch durch. Auch im Bankengeschäft
schreibt "Basel II" einen neuen Umgang mit dem Risikogehalt von
Bankgeschäften vor.
Im Versicherungsgeschäft bilden
die Differenzierungen von Risiken und die Berechnungen von Wahrscheinlichkeiten seit
jeher die Grundlage für den gesamten Geschäftsbereich.
Die Ursprünge derartiger Überlegungen reichen bis in die früheste
Menschheitsgeschichte zurück, denn das Bedürfnis künftige Ereignisabläufe vorherzusagen war für Entscheidungsträger schon immer sehr groß.
Die Zukunft aber ist unwägbar und unübersichtlich.
Jahrtausende lang behalfen sich die Menschen
mit Ratschlägen vermeintlicher Zukunftsexperten, Schamanen, Propheten und
Auguren. Diese genossen in frühen Kulturen ein hohes Ansehen.
Sie benutzten hauptsächlich zwei Mittel, um ihrem Handwerk gerecht zu werden:
Die Interpretation von Naturphänomenen
Die Erkundung des Willens der Götter durch Losziehungen, Würfeln
oder ähnliche Methoden
Auch finden sich in der Bibel ausführliche
Regeln für die angemessene Verwendung der Losziehungen in
Entscheidungssituationen. Wenn eine schnelle und eindeutige Regelung gefragt war
und beim besten Willen keine verbindliches Kriterium beigebracht werden konnte,
war das Los für eine Entscheidungsfindung zuständig. Diese war jedoch auch
situationsabhängig, man denke nur an den mißbilligenden Tonfall der
Beschreibung der Soldaten, die am Kalvarienberg um das Gewand des gekreuzigten
Jesus losten.
Selbst in der Zeit von Sokrates, Platon, und
Aristoteles waren Logik und Analyse nicht die einzigen Entscheidungsstützen.
So sagte z.B. das Orakel von Delphi, das berühmteste Prognoseinstitut des
klassischen Griechenlands, das Risikopotential des lydischen Feldzugs unter
König Krösus mit hundertprozentiger Genauigkeit vorher: Der lydische König
bemühte zur Bestimmung seiner Erfolgsaussichten das delphische Orakel. Die
Antwort lautete:
"Wenn Du einen Krieg beginnst, wirst Du ein großes Reich zerstören."
Der König fühlte sich in seinen Kriegsabsichten bestärkt und zog gegen die
Perser. Die Perser schlugen die Lyder vernichtend. Krösus hatte prognosegemäß
ein großes Reich zerstört - sein eigenes.
Als Julius Cäsar nach der Macht in Rom griff, führte er seine Truppe aus Gallien an den Fluß Rubikon, die römische Staatsgrenze.
Eine politische offene Kalkulation begann mit einer Offensive auf römisches
Staatsgebiet.
In der
Stabsbesprechung eröffnete er seinen Offizieren die seitdem viel zitierten
Worte: "Die Würfel sind gefallen". Mit der Überschreitung des
Rubikon war die Kriegserklärung irreversibel und der Krieg entfacht. Aber der
Ausgang des Krieges war nicht vorhersehbar, ebenso wenig wie das Ergebnis eines
Würfelspiels. Um eine Wahrscheinlichkeit von Sieg oder Niederlage in Zahlen
fassen zu können, fehlte es an verlässlichen Mitteln.
Woher aber verwertbare Zahlen bekommen, um
die ihnen innewohnenden logischen Wahrheiten für mathematische Berechnungen
nutzen zu können?
Ein ganz wesentlicher Schritt in dieser Richtung war die Entwicklung des hindu-arabischen Zahlensystem, das vor achthundert Jahren die
westliche Welt erreichte. Hier liegen die Wurzeln des modernen Risikoverständnisses.
Damals erschien in Italien ein Werk mit dem
Titel „Liber Abaci“ oder „Buch des Abakus“. Das Werk erhielt die
Billigung des Stauferkönigs Friedrich des II und konnte sich deshalb in der gesamten westlichen Welt asusbreiten.. Auf Grund eines Aufenthaltes in
Bugia im heutigen Algerien lernte der Autor Fibonacci von einem arabischen
Mathematiker die hindu-arabischen Zahlen kennen. Fibunacci wurde klar, dass sich
mit diesem System Kalkulationen erstellen lassen, die sich mit den römischen
Buchstabenzahlen nicht durchführen ließen.
Das Buch zeigt in seinen Kapiteln eine Vielzahl von Berechnungen mit ganzen
Zahlen und Brüchen, Verhältnisregeln, das Ziehen von Quadratwurzeln und die Lösung
von linearen und quadratischen Gleichungen. Für die westliche Welt war dieses
Buch ein erster spektakulärer Entwicklungsschritt auf dem
Wege, Berechnungen zum Schlüsselfaktor der Einschränkung von Risiken zu
machen.
Die Leistung Fibonaccis lässt sich erst in
seiner ganzen Tragweite ermessen, wenn anhand von einigen Beispielen deutlich
wird, welche Schwierigkeiten es Jahrtausende lang bereitete, den Unterschied der
Zahlen 10, 100 und 1.000 aufzuzeigen.
Die Neandertaler markierten den Gang der
Tage auf einem Stein oder Holzstamm und notierten die Anzahl der auf der Jagd
erlegten Tiere. Der Stand der Sonne bot eine Orientierung für die Bestimmung
der Tageszeit.
Mit Beginn des Sesshaftwerdens der
Menschen wurden erste Versuche des Messens und Zählens unternommen. Der
entstehende Handel entlang der Routen der großen Flüsse der Welt verlangte
nach einer Kalenderzeit, einer Navigation und Kenntnissen der Geographie.
Aus der Astronomie ist die Mathematik
hervorgegangen. Als die Kerbzeichen nicht mehr genügten, begannen die Menschen
mit dem Ordnen von Zahlen in Zehner- und Zwanzigergruppen, die sich leicht an
den Fingern abzählen ließen.
Die Griechen entwickelten ein Zählsystem
aus ihren Buchstaben
penta = 5
deca = 10
rho = 100
rho-decapenta = 115
Mit diesem Zahlensystem war das Addieren,
Subtrahieren etc. nur mit großer Mühe möglich.
Derartige Zahlenersatzsymbole waren nur ein Mittel zum Aufzeichnen von
Ergebnissen. Auch die Römer litten unter dem gleichen Handicap. Die Zahl neun
erforderte zwei Buchstaben IX. Die Zahl 32 konnten die Römer nicht als III II
notieren, weil keine Möglichkeit der exakten Entzifferung bestand.
Die Hindus entwickelten das heute noch gültige
Zahlensystem, das im Zuge der Eroberung Indiens durch die Araber ab dem Jahre
700 unserer Zeitrechnung den Weg nach Westen fand.
Das KERNSTÜCK des hindu-arabischen Zahlensystems war die Erfindung der Null;
sunya hieß sie bei den Indern. Im Arabischen cifr, was bei uns zu „Chiffre“
wurde und „leer“ bedeutet. Zur Bestandsaufnahme der Jagdbeute, der
verstrichenen Tage oder der zurückgelegten Streckeneinheiten war die
Vorstellung der Null nur schwer begreiflich.
Das
Entscheidene der Null besteht darin, dass wir sie bei den Verrichtungen des alltäglichen
Lebens nicht verwenden müssen. Niemand geht null Fisch einkaufen. In gewisser
Hinsicht ist die Null die kultivierteste aller Grundzahlen; ihre Verwendung wird
uns einzig und allein durch die Erfordernisse ausgebildeter Denkformen aufgenötigt.
Nun
bedurfte es nur noch der Zahlen 0 bis 9, um jede denkbare Berechnung durchzuführen,
eine Revolution, die unser Leben bis in die heutige Zeit geprägt und viele
innovative Prozesse in Gang gesetzt hat.
Zur Zeit Fibonaccis waren die Menschen noch
nicht soweit, Zahlen und Risiko miteinander zu verbinden. Die meisten Menschen
damals glaubten, dass alle Risiken göttliche Schicksalsbestimmung waren, oder
den Launen der Natur entsprängen.
Der Mensch musste erst lernen, menschlich verursachte Risiken zu erkennen. Der Mensch musste den Mut finden, sich allein gegenüber den empfundenen Schicksalsmächten zu
positionieren, bevor er die Techniken und Methoden zur Risikobewältigung
entwickeln und anwenden konnte.
Dies geschah in
der Renaissance, als der Mensch sich von den Fesseln der Vergangenheit befreite
und tradierte Meinungen und religiöse Vorstellungen offen in Frage stellte.
Die Menschen wurden sich ihrer eigenen Kraft und damit ihrer Verantwortlichkeit bewußt. Wenn Männer und Frauen nicht mehr der Willkür göttlicher Macht und des
Zufalls ausgeliefert waren, dann durften sie angesichts einer unbekannten
Zukunft nicht länger untätig sein. Ihnen blieb auch nichts anderes übrig,
sie waren gezwungen, Entscheidungen über erheblich weitere Räume, Umstände
und Zeitperioden zu treffen als je zuvor.
Die für die protestantische Ethik charakteristische Vorstellung von Sparsamkeit
und Konsumzurückhaltung unterstrich die wachsende Bedeutung der Zukunft für
die Gegenwart. Im Zuge solch einer Ausweitung der Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten
gelangte der Mensch allmählich zu der Erkenntnis, dass die Zukunft nicht nur
Gefahren barg, sondern auch Chancen bot, dass sie offen, unbegrenzt und verheißungsvoll
war.
Das neue Bewußtsein für mögliche Chancen führte zu einer deutlichen
Wachstumsbeschleunigung im Handel, der sich wiederum als Stimulanz für Wandel
und Forschung auswirkte. Die Aussicht auf Reichtum ist sehr motivierend, aber es
werden nur wenige Menschen reich, ohne ein Risiko einzugehen. Diese simple
Formulierung enthält mehr Wahrheit, als auf den ersten Blick erscheint. Handel
ist ein wechselseitig positiver Prozess, eine Transaktion, dank derer sich am
Ende beide Seiten als wohlhabender betrachten. – Welch revolutionäre Idee!
Bis zu diesem Zeitpunkt waren Menschen in Europa überwiegend durch Ausbeutung
oder Plünderung von anderer Leute Besitz reich geworden. Das Anhäufen von
Reichtümern war nicht mehr bloß für einige wenige, sondern für viele
Menschen möglich; jetzt kamen statt des erblichen Adels und seiner Lakaien die
Klugen, Wagemutigen und Innovativen zum Wohlstand.
Somit bot das Zeitalter religiöser Umbrüche,
der Beginn des Kapitalismus und die Hinwendung
zu den Naturwissenschaften den entscheidenden Nährboden für die Entwicklung
eines modernen Risikobegriffs, auf dessen Grundlage rationale Entscheidungen
getroffen werden konnten.
So kannten die Antike und das Mittelalter den
Begriff Risiko nicht.
Etymologisch entstammt das Wort dem frühitalienischen risicare, risco, risico
und deutet auf einen „gewagten Einsatz bei einer geschäftlichen
Unternehmung“.
Das Wort komt also aus der Kaufmannssprache. Bevor
sich das Wort Risiko durchsetze, wurde das französische Wort „hasard“
genutzt. Dieses Wort war über das Spanische ins Französische gedrungen und
stammt aus der Wurzel Al-Zhar, dem arabischen Wort für Würfel.
Der Wunsch nach Berechnungen entstand überall.
Lorenzo de Medici beauftragte Mathematiker zu Erstellung einer Anleitung, um in
einem Würfelspiel auf Dauer einen Wettbewerbsvorteil zu haben. Auf den späteren
Berechnungen von Blaise Pascal zum gleichen Thema entstanden erste Anwendungen
der Wahrscheinlichkeitsrechnung im Wirtschaftsleben.
Angeregt durch einen Gedanken von Gottfried
Wilhelm Leibniz, dass die „Natur Muster eingerichtet hat, die zur Wiederholung
von Ereignissen führen, aber nur zum größten Teil“ entwickelte Jacob
Bernoulli das Gesetz der großen Zahl und statistische Methoden zur Auswertung
von Stichproben.
Carl Friedrich Gauss entwickelte die Struktur
der Normalverteilung, die Gaußsche Glockenkurve. Diese beiden Entdeckungen
bilden auch heute noch die Kernelemente der modernen Methoden zur
Quantifizierung von Risiken.
Die Regression zum Mittelwert erklärt, warum
Hochmut vor dem Fall kommt und ein dunkler Horizont oft einen Silberstreif hat.
Wann immer wir Entscheidungen treffen, die von der Erwartung ausgehen, dass
alles wieder zum Normalzustand zurückkehrt, halten wir uns an diese von Francis
Galton 1875 erfundene Rückbildungstheorie.
Und der Nobelpreisträger Harry Markowitz hat
1952 nachgewiesen, warum es ein inakzeptables Risiko darstellt, alles auf eine
Karte zu setzen und ein Investor am ehesten durch Risikoverteilung Vorteile
erzielt.
Risikoverteilung ist die wesentliche Größe
für mittel- und langfristig erfolgreiches Investment an der Börse und eine Übertragung
einzelner existenzieller Risiken auf eine Risikogemeinschaft, eine
Versicherungsgesellschaft die Voraussetzung für die Möglichkeit einer
kontinuierlichen Lebensführung bzw. Unternehmensentwicklung.
Wenn auch das Leben des Einzelnen von Zufällen geprägt ist, so ermöglichen es uns die Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung
Gesetzmäßigkeiten zu ermitteln und damit
unsere Investitionen in die Zukunft zu sichern.
Wir helfen Ihnen bei der kaufmännischen Umsetzung für eine optimale Gestaltung Ihrer Risikoverhältnisse.Wir ermitteln, hierachiseren und decken soweit möglich Ihre existenzbedrohenden Risiken.
Thomas Eilenberg
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